Eine mindful Weihnachtsgeschichte
- carlottafinck
- 23. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Es war der Nachmittag des 24. Dezember und ich hatte, zum ersten Mal in meinem Leben,
beschlossen, nicht die üblichen Gäste einzuladen. Kein Besuch, kein Festmenü, keine
Umarmungen, bei denen man kurz innehält, weil man nicht genau weiß, wem man da
eigentlich gerade begegnet. Stattdessen hatte ich den Tisch gedeckt für jene, die sonst nur in
Zwischenräumen existieren – geduldet, aber selten willkommen: meine inneren Anteile.
Ich hatte sie nicht angekündigt, nicht feierlich beschworen, sie kamen einfach, wie sie eben
kommen – in ihrem je eigenen Tempo, mit ihrer eigenen Geschichte im Gepäck.
Der Erste, der eintrat, war der Zweifler. Er trug einen grauen Mantel, der ein wenig zu eng
saß, als hätte er sich lange nicht bewegt, und sah sich mit prüfendem Blick um, bevor er
überhaupt einen Schritt über die Türschwelle wagte. „Du meinst das ernst?“, fragte er. Nicht
spöttisch, nicht resigniert, eher wie jemand, der die Einladung mit Vorsicht angenommen
hatte, aus Gewohnheit misstrauisch, aber heimlich doch gerührt, dass man an ihn gedacht
hatte. Ich nickte nur, und er setzte sich an das untere Ende des Tisches, zog den Stuhl ein
wenig zur Seite, als müsse er sich eine Fluchtroute offenhalten.
Kurz darauf kam die Tatkräftige, aufrecht, zügig, mit dem Blick einer Frau, die seit Jahren
ganze Haushalte, Karrieren und Krisen zusammenhält, oft gleichzeitig. Sie hatte den Raum
längst gecheckt, noch bevor sie die Jacke ausgezogen hatte. „Der Tisch ist schön“, sagte sie,
mit prüfendem Blick. „Aber die Kerzen - ein bisschen schiefer als letztes Jahr, oder?“ Sie
nahm Platz - aufrecht, präsent, bereit, das Gespräch zu moderieren, wenn es ihr zu still
wurde.
Der Ängstliche kam fast unbemerkt. Sein Mantel war zu groß, seine Bewegungen klein. Seine
Augen tasteten den Raum ab, nicht weil er sich nicht erinnerte, sondern weil er alles doppelt
prüfen musste – ob die Stühle stabil waren, ob die Gläser bruchsicher wirkten, ob die Fenster
geschlossen genug waren, damit keine Kälte eindrang. Er setzte sich nicht gleich, sondern
blieb noch eine Weile stehen, ganz nah bei der Wand, wie einer, der aus Versehen
hereingeraten ist, sich aber noch nicht traut zu gehen.
Dann, wie ein Windstoß, trat die Träumerin ein. Sie hatte nichts dabei außer einem weichen,
weiten Blick, der über alles glitt, ohne je an einer Stelle länger zu verweilen. Ihre Stimme war
hell, beinahe durchscheinend, und sie sprach sofort von Ländern, in denen Weihnachten
unter Palmen gefeiert wird, von einem Haus am Meer, von all den Dingen, die man tun
könnte, wenn das Leben nur ein bisschen mehr Flügelschlag hätte. Ihre Anwesenheit war wie
ein warmer Luftzug – nicht greifbar, aber spürbar wohltuend.
Zuletzt, mit langsamen Schritten, kam die Verletzte. Sie trug einen Mantel, der aussah, als
hätte er viele Winter überstanden, und hielt ihn auch am Tisch noch geschlossen. Ihr Blick
war müde, nicht aus Schlafmangel, sondern aus einer tiefen Form der Erschöpfung, die sich
über Jahre angesammelt hatte. Sie setzte sich wortlos. Kein Trotz, kein Widerstand. Nur eine
stille Zustimmung, dass sie heute dazugehören durfte, ohne sich erklären zu müssen.
Und ich? Ich saß mittendrin, nicht als Gastgeberin, nicht als Therapeutin meiner selbst,
sondern als Zuhörende. Es war das erste Mal, dass ich nicht versuchte, einen Teil von mir zuübertönen, nicht den einen zu beruhigen und den anderen zu beschwichtigen, sondern
einfach dasaß – neben mir selbst.
Das Gespräch entwickelte sich langsam. Der Zweifler begann, Fragen zu stellen, keine
rhetorischen, sondern echte: „Was, wenn wir uns geirrt haben? Was, wenn das alles auch
ganz anders hätte kommen können?“ Die Tatkräftige zuckte mit den Schultern, nicht
überheblich, sondern ehrlich ratlos: „Ich weiß nicht mehr, wofür ich eigentlich so lange stark
geblieben bin.“ Der Ängstliche hatte begonnen, Wasser nachzuschenken, immer wieder,
obwohl niemand wirklich trank, einfach um sich nützlich zu machen. Die Träumerin erzählte
von einer Stadt aus Licht, in der alle Verletzten Künstler sind. Und die Verletzte? Sie hörte zu.
Zum ersten Mal. Ohne sich zu verschließen. Ohne gleich wegzurutschen in den Reflex des
Rückzugs.
Es war kein harmonischer Abend. Niemand sang. Es gab keinen Baum, unter dem glänzende
Erwartungen lagen, und keine Umarmung, die sich zufällig unter einem Mistelzweig
ereignete. Aber es gab einen Tisch. Und einen Raum. Und mich – nicht als Moderatorin, nicht
als Richterin, nicht als Teil.
Sondern als das, was blieb, als alle gesprochen hatten.
Das Selbst – nicht als Idee, sondern als fühlbarer Raum, in dem alle Stimmen gleichzeitig
wahr sein dürfen, ohne sich auslöschen zu müssen.
Ich war nicht der Kompromiss.
Ich war das Dazwischen.
Die stille Mitte. Der Boden unter den Stühlen.
Und zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, dass ich jemand sein muss, um ganz zu sein.
Es war der Nachmittag des 24. Dezember.
Draußen legte sich Stille über die Welt, als würde etwas Altes still werden wollen.
Drinnen war es nicht ruhig, aber gegenwärtig.
Was gesagt worden war, lag noch im Raum, schwerelos wie Atem.
Und während sich niemand erhob, während auch keiner mehr etwas sagen musste,
wurde spürbar:
Jeder trägt in sich eine Vielzahl.
Ein inneres Vielstimmiges – zart, widersprüchlich, verletzlich.
Auch die, die uns gegenübersitzen. Auch die, von denen wir dachten, wir kennen sie längst.
Und vielleicht ist genau das die Einladung dieser Zeit:
Nicht alles verstehen zu müssen,
aber ein wenig sanfter zu schauen.
Nicht sofort zu reagieren,
sondern erst einen Moment zuzuhören.Nicht die Unterschiede zu überbrücken,
aber auch nicht mehr so schnell an ihnen zu zerbrechen.
Es war der Abend des 24. Dezember.
Da saßen sie, eine Familie.
Und mit jedem Einzelnen saß mehr am Tisch -
Erfahrungen, Prägungen, alte Rollen,
Sehnsüchte, die niemand laut aussprach.
Manche traten hervor, andere blieben im Hintergrund.
Aber alle waren da.
Denn niemand kommt allein an einen Tisch.
Wir bringen immer etwas mit:
das Kind, das gehört werden wollte.
Den Jugendlichen, der sich nie sicher war, ob er reicht.
Den Erwachsenen, der stark sein muss.
Und dazwischen: das, was sich nach Frieden sehnt.
Und während wir mit unserem eigenen inneren Gefüge dort sitzen,
mit Stimmen, die mal laut, mal zaghaft sind,
mit Rollen, die wir längst abgelegt glaubten und doch noch tragen –
vergessen wir leicht,
dass es den anderen am Tisch genauso geht.
Auch sie sind nicht nur das, was wir sehen.
Nicht nur Worte, Gesten, Reaktionen.
Auch in ihnen leben Anteile,
von denen sie selbst vielleicht noch nichts wissen:
der Zweifler, der still wird, wenn es laut wird;
die Verletzte, die lieber lächelt, als sich zu zeigen;
der Rückzug, der als Stolz erscheint,
und die Sehnsucht, die sich hinter Ironie versteckt.
Wir begegnen einander nie nur als Erwachsene,
nie nur im Jetzt.
Wir begegnen einander immer auch als Summe all dessen,
was uns geprägt hat –
und manchmal auch all dessen,
was wir noch gar nicht erkannt haben.
So endet diese Geschichte nicht mit einem Fest.
Auch nicht mit einer Antwort.
Sondern mit einer Haltung:
Sanft zu sein.
Mit sich. Und mit den anderen.
Und vielleicht ist das das Kostbarste,
was wir einander schenken können:
Nicht, alles zu verstehen.
Aber mit einem Blick zu sagen:
„Ich sehe, da sitzt noch mehr
und auch das darf da sein.“
Vielleicht ist das der Anfang von echter Nähe:
nicht im Einvernehmen,
sondern im Erkennen der Komplexität.
Nicht in der Übereinstimmung,
sondern in der Bereitschaft,
einander in unserer Vielstimmigkeit zuzulassen.

🥰